Die Embryologie und die Ontologie erscheinen uns heute als sehr entfernte Verwandte. Jedoch kann die ontologische Frage, was ein Tier ist, wie sie am Ende des 17. Jahrhunderts gestellt wurde, nur im Kontext der frühneuzeitlichen Metaphysik der Fortpflanzung verstanden werden. Mit anderen Worten, was es bedeutet von einer bestimmten Art sterblicher, körperlicher Substanzen (d.h., ein Automat für die Cartesianer) zu sein, hat in fundamentaler Weise damit zu tun, wie diese sterbliche, körperliche Substanz entsteht. So war insbesondere die geschlechtliche Fortpflanzung kein kontingentes Detail in der Historie eines Tieres, sondern in der Tat dasjenige, was es zu einem Tier machte und dasjenige, was es diesem Tier ermöglichte seine spezifische Position in der Ordnung der Natur einzunehmen. Es wurde angenommen, dass ein Tier zu sein, bedeutet, einer bestimmten Art anzugehören, was wiederum bedeutet, von Eltern derselben Arten abzustammen. Dies unterscheidet Tiere von anderen natürlichen Arten wie z.B. den Elementen und, wie wir sehen werden, Pflanzen. Obwohl das traditionelle Verständnis davon, wie genau die Abstammung von Vorfahren von statten geht im 17. Jahrhundert in einer tiefen Krise steckte, blieb es dennoch für die Naturphilosophen ein Kernanliegen, die ontologische Differenz zwischen Tieren und anderen natürlichen Arten sowie zwischen Menschen und Tieren zu erklären, ungeachtet dessen, ob sie Mechanisten, Vitalisten oder Synkretisten waren. Das Buch, das ich zur Zeit schreibe, ist eine Studie der Art und Weise, auf die neue Entwicklungen in der Embryologie diese Erklärungen beeinflussten.
Es wird häufig behauptet, dass Descartes die Kluft zwischen Mensch und Tier dadurch vertieft hat, dass er die niederen Seelenfunktionen (d.h., Wachstum und Sinneswahrnehmung), welche gewöhnlicherweise den Tieren zugeschrieben wurden, eliminierte, und diese Funktionen vollkommen körperlich machte, während er gleichzeitig die Bedeutung von ‘Seele’ auf ‘rationale Seele’ einschränkte. Wenn auch die kurzfristige Folge von Descartes Theorie der Tiere die war, dass die Kluft zwischen Tier und Mensch größer wurde, so dürfen wir nichtsdestotrotz seine Arbeit in der Physiologie und Embryologie als einen Teil der generellen Veränderung hin zu einem Denken ansehen, nach dem Menschen als eine bestimmte Art Tier verstanden wurden. Die Cartesianische Embryologie behauptet, dass Kreaturen de novo aus einer Folge thermomechanischer Ursachen erzeugt werden können, und nicht als die Folge der Aktualisierung einer immateriellen Form in Materie. Descartes schreibt in seinem 1701 posthum veröffentlichten Cogitationes circa generationem animalium:
Ich erwarte, dass einige verächtlich sagen werden, dass es lächerlich ist, ein so bedeutendes Phänomen wie die menschliche Fortpflanzung solch kleinen Ursachen zu zu schreiben. Aber welche größere Ursache als die ewigen Naturgesetze könnten erforderlich sein? Brauchen wir das direkte Einwirken eines Geistes? Was für ein Geist? Gott selbst? Warum werden dann Monster geboren?
In dem Moment, wo Fortpflanzung, einschliesslich der menschlichen Fortpflanzung, als das Ergebnis 'kleiner Ursachen' denkbar wird, wird es auch denkbar, dass die menschliche Gattung selbst einen natürlichen oder 'kleinen' Ursprung hat. Charles Darwin leuchtete die Verbindung zwischen diesen beiden ein. Wie er in The Descent of Man schreibt:
Mir ist klar, dass die Ergebnisse dieser Arbeit von einigen als höchst frevlerisch angeprangert werden; aber derjenige, der sie denunziert, ist vepflichtet zu zeigen, warum es ungläubiger ist, den Ursprung des Menschen durch Abstammung von niederen Formen, den Gesetzen der Variation und der natürlichen Auswahl, als die Geburt eines Individuums durch die Gesetze der gewöhnlichen Reproduktion zu erklären. Die Geburt der Art und die des Individuums sind gleichermaßen Teile eine großen Folge von Ereignissen, und unser Verstand weigert sich dagegen, diese als das Ergebnis blinden Zufalls anzusehen.
Viele Naturalisten des späten 17. Jahrhunderts verstanden die Fortpflanzung von kleinen Ursachen bereits als eine Gefahr für die traditionelle natürliche Theologie. So fängt John Ray seinem Wisdom of God Manifested in the Work of His Creation aus dem Jahr 1699 die weitverbreitete anti-Cartesianische Stimmung innerhalb der Naturphilosophie des spaeten 17. Jahrhunderts ein, wenn er lebhaft schreibt, dass Fortpflanzung
so bemerkenswert und unerklärlich ist, dass weder die Atheisten noch die mechanistischen Philosophen versucht haben, ihre Art und Weise und ihren Verlauf zu erklären; stattdessen haben sie hier (wie ich zuvor bemerkte) sehr vorsichtig und bedacht ihr System der Naturphilosophei abgebrochen und diesen Punkt unangetastet gelassen: und ebenjene Erklärungen der Bildung einiger aus den Teil, die einige von ihnen versucht haben zu geben, sind so maßlos absurd und lächerlich, dass sie keiner anderen Wiederrlegung bedürfen als ha, ha, he.
Einige Philosophen bemerkten neben der Implausibilität der mechanischen Fortpflanzung die Probleme die diese für das traditionelle Verständnis der biologischen Arten, demzufolge diese ontologisch in der zyklischen Übertragung von Form von einer Generation zur nächsten auf dem Wege der geschlechtlichen Fortpflanzung begründet sein, aufwerfen würde. So kritisiert Malebranche die Cartesianische Embryologie:
[O]bwohl man die Bildung des Fötus im Allgemeinen einigermaßen erklären kann, so wie es Descartes erfolgreich genug versucht hat, so bleibt es nichtsdestotrotz sehr schwierig… zu erklären, warum eine Stute nicht ein Kalb gebiert, oder ein Huhn kein Ei legt, dass ein Rebhuhn oder einen Vogel einer neuen Art enthält.
Wenn die neue Embryologie die Grenze zwischen Huhn und Rebhuhn gefährdet, dann wird diese Gefahr umso stärker wahrgenommen, wenn es um die Grenze zwischen Menschen und anderen Arten geht. Aus diesem Grund erstrecken sich die Auswirkungen der frühneuzeitlichen Fortpflanzungstheorie nicht bloss auf die zoologische Taxonomie, sondern ebenfalls auf die philosophische Anthropologie. Der Versuch, Fortpflanzung aus kleinen Ursachen zu erklären beeinflusste die Konzeption der Artengrenzen, und diese neue Konzeption wiederum beeinflusste das frühneuzeitliche Denken über die Stellung des Menschen in der Natur, und sie gefährdete die klassische Ansicht der christlichen Anthropologie, derzufolge die nur beim Menschen vorkommenen Merkmale durch das Eingreifen von Geist in die Natur erklärt wurde.
In diesem Buch werde ich argumentieren, dass es eine der bedeutendsten Wirkungen des Versuchs, die Embryogenese als einen natürlichen Prozess zu verstehen, der keiner übernatürlichen Lenkung oder Interventioen bedarf, war, dass Menschen als eine bestimmte Art von Tieren unter anderen Tieren angesehen wurde, ohne die ontologische Grenze, die einmal durch die spezifische Differenz der göttlich gewährten Vernuft gesichert wurde. Descartes und seine unmittelbarten Nachfolger in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert spielten eine zentrale Rolle in Entwicklung dieser neuen Konzeption, auch wenn die ursprüngliche Absicht ihrer Untersuchung von Tieren und ihren Ursprüngen war, uns von ihnen zu distanzieren, und nicht die Grenze zu verwischen. In diesem Prozess stürzten sie auch die Konzeption der Artengrenzen, nach der diese als fixiert und ewig aufgefasst wurden, und die sich durch viele Jahrhunderte christlicher Naturphilosophie hindurch entwickelt hatte (und die entgegen der verbreiteten Ansicht in dem Werk des Aristoteles vollkommen fehlt), in eine Krise. Wenn nämlich kleine Ursachen zu einem Fötus führen können, dann scheinen die metaphysischen Grundlagen der normalen Artenfortpflanzung sowie der geschlechtliche Dimorphismus und die Übermittlung erblicher Eigenschaften gleichzeitig Schaden zu nehmen, und diese konnten in der Tat bis zur Entwicklung der reifen Wissenschaft der Genetik einige Jahrhunderte später nicht vollkommen wiederhergestellt werden.
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stellten die biologischen Phänomene der Embryogenese und der organischen Entwicklung einen der großen Stolpersteine für den Erfolg des mechanistischen Programms dar, und beide dürfen daher von Wissenschaftlern der frühneuzeitlichen Naturphilosophie nicht vernachlässigt oder als peripher behandelt werden. Die Kritik am Scheitern einer rein mechanistischen Embryologie war ein wichtiger Teil des Aufkommens der 'Mechanisten der zweiten Welle', wie manche sie genannt haben, d.h., Denkern wie Malebranche, Boyle und Leibniz, die dem Geist der metaphysischen Sparsamkeit, den die mechanistische Auffassung verlangte, treu blieben. Darüber hinaus erkannten sie, dass einige Naturphänomene weniger leicht innerhalb des mechanistischen Rahmens erklärt werden konnten als die Phänomene makroskopischer anorganischer Körper in Bewegung, die als paradigmatische Beispiele dafür galten, was die mechanistische Auffassung hoffte zu erklären. Kurz gesagt, die Biologie stand im Mittelpunkt einer der wichtigsten Entwicklungen in der Naturphilosophie des späten 17. Jahrhunderts. In der Tat könnte man behaupten, dass die Wahrnehmung der Biologie als non-funktionale Wissenschaft selbst eine Konsequenz der Krise ist, die sie im 17. Jahrhundert in der Naturphilosophie verursachte. In der Antike galt das organische Wachstum angebtrieben von dem inneren aktiven Prinzip einer Substanz das Modell für natürlichen Wandel im Allgemeinen. Im 17. Jahrhundert hingegen wird die Biologie von der mechanischen Physik -- d.h., der Untersuchung der Bewegung an sich träger Materie und der Weise und des Weges auf dem Bewegung von einem Körper zum nächsten weitergegeben wird -- in seiner Funktion als paradigmatische Vorbildswissenschaft abgelöst. Unsere allgemeine Vernachlässigung der frühneuzeitlichen Beschäftigung mit den Problemen des Lebens und der organischen Entwicklung zeigt jedoch wie wenig erfolgreich diese Ersetzung in Wirklichkeit war.
Das Hauptanliegung dieser Untersuchung wird darin liegen, zu zeigen, wie die frühneuzeitliche Beschäftigung mit denjenigen Merkmalen, die Menschen und Tiere gemeinsam haben, insbesondere der gemeinsamen Art der Forpflanzung, dazu führte, dass man nunmehr annahm, dass Menschen natürliche Ursprünge haben und echte Verwandtschaftsbeziehungen zu anderen Arten und nicht bloß kontingente gemeinsame Eigenschaften aufweisen. Im Hinblick auf die Wissenschaft stellte sich das Erbe von Descartes Untersuchung der Bildung menschlicher und tierischer Föten aus gleichermassen kleinen Ursachen als langlebiger heraus als seine Theorie der Eigenart des menschlichen Dualismus von Körper und Geist.
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Obwohl es in den vergangenen Jahren zahlreiche exzellente Veröffentlichungen im Bereich der Geschichte und der Philosophie der Biologie der frühen Neuzeit gegeben hat (für eine Auswahl dieser Werke siehe meine Bibliographie), so wurde die meiste Aufmerksamkeit der Struktur und Funktion organischer Körper im Allgemeinen geschenkt, und nicht dem Problem, wie diese entstehen, geschweige denn wie sie mit vorhersagbarer Regelmässigkeit zu der Art von organischen Wesen werden, die sie sind und nicht zu einem anderen. Solange das Studium der Geschichte der Philosophie der Biologie auf diesem allgemeinen Niveau bleibt, wird es uns unmöglich sein, die Art und Weise, in der die Beschäftigung frühneuzeitlicher Philosophen mit biologischen Fragen in den weiteren Kontext ihrer philosophischen Projekte passt, zu verstehen.
Mit meiner Arbeit möchte ich einen kleinen Beitrag zu dem umfassenderen Projekt leisten, die Wichtigkeit der Biologie für die frühneuzeitliche Philosophie zu zeigen. Mein konkretes Ziel ist jedoch viel begrenzter. Ich möchte zeigen, wie Entwicklungen in der Wissenschaft der Fortpflanzung, insbesondere jedoch nicht ausschliesslich die Entwicklungen in der Cartesianischen Embryologie und dem Werk seiner Kritiker die Debatte über das Wesen der Artenfortpflanzung und das Problem der Artengrenzen, d.h., in den Worten des Aristoteles die Debatte darüber, wie und warum Gleiches regelmäßig Gleiches zeugt, im späten 17. Jahrhundert beeinflusste. Dort, wo die frühneuzeitliche Theorie der Fortpflanzung studiert wurde, haben es Forscher generall für als selbstverständlich angenommen, dass das Produkt der Fortpflanzung zu derselben Art gehört wie seine Vorfahren. Für die frühneuzeitlichen Fortpflanzungstheoretiker war es jedoch keineswegs offensichtlich, warum dies der Fall sein sollte, und viele -- Mechanisten der zweiten Generation und bekennende Vitalisten gleichermassen – dachten, dass die Bemühungen, die Fortpflanzung aus kleinen Ursachen allein zu erklären, ernste Schwierigkeiten für die Erklärung der Artenfortpflanzung herbeiführen würde.
Mein Ziel ist, ein interdisziplinäres Verständnis der Probleme der Wissenschaft und der Philosophie des 17. Jahrhunderts voranzutreiben. Dies möchte ich nicht lediglich durch eine rigoros kontextualistische Untersuchung des vorliegenden Problems tun, sondern auch indem ich die jüngste aufschlussreiche anthropologische Erforschung der universellen Parameter menschlichen Denkens über die natürliche Welt, insbesondere über das Phänomen der Fortpflanzung, in meine Arbeit einfließen lassen werde. Die Arbeiten komparatistischer Anthropologen wie z.B. Godelier oder seines kognitivistischer ausgerichteten Kollegen Scott Atran (siehe Cognitive Foundations of Natural History (Cambridge University Press, 1991)) hat sich als wertvoll erwiesen, zu zeigen, wie die frühneuzeitliche Debatte über das Wesen der Fortpflanzung und die Ursprünge und Grenzen biologischer Arten offenbart, dass zumindest in einem Bereich der europäischen Wissenschaft dasselbe kategoriale Denken vorherrscht, wie wir es in dem Volksdenken über die natuerliche Welt vorfinden. Dieses wiederum hat uns einige potentielle a priori Bedingungen offenbart, die dazu dienen, jeden Versuch, die Welt um uns herum begrifflich zu zerschneiden und die natürlichen Prozesse zu denken, zu informieren und einzuschränken. Anthropologische Arbeiten wie die von Godelier haben sich ebenfalls als wertvoll erwiesen, frühneuzeitliche Debatten wie z.B. die über den Ursprung der menschlichen Seele und die Differenzen zwischen Menschen und Tieren in einen weiteren, in der Tat globalen Kontext zu stellen. Forscher der antiken Wissenschaft haben sich seit langem bereitwillig von Anthropologen belehren lassen: ein ausgezeichnetes Beispiel eines anthropologisch informierten Beitrages zur Wissenschaft der Antike ist G. E. R. Lloyds Magic, Reason and Experience (Cambridge University Press, 1978). Obwohl Überlegungen wie diese größtenteils im Hintergrund der vorliegenden Arbeit sein werden, ist es dennoch mein Ziel, in dem von Llyod vertretenen interdisziplinären und synkretistischen Geist zu verfahren.
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